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Das Buch vom Wanderer

Kannst du dich daran erinnern, wie du lesen gelernt hast? Sicher hast du damals Buchstaben gezeichnet. Vielleicht zuerst die von deinem Namen. Ein Text aus der ersten Klasse ist mir geblieben: „Tuut tuut ein Auto. Es fährt so schnell.“ Neunzehnhundertdreiundfünfzig war das eine sinnvolle Warnung für einen Sechsjährigen. Was da alles auf ihn zukommt: Die Buchstaben, das Hochdeutsche und ein Auto. Eine magische Wirkung auf meine kindliche Seele muss das gehabt haben.

Hast du dir eigentlich schon einmal überlegt, was los ist, wenn du zu lesen beginnst? Vielleicht wolltest du auf andere Gedanken kommen. Vielleicht hattest du keine Lust darauf eine lästige Pflicht zu erledigen. Vielleicht wolltest du etwas überflüssige Zeit überbrücken. Im schlimmsten Fall war der Lesestoff die pure Notwendigkeit und im Besten das Interesse am versprochenen Inhalt.

Da du sehr wahrscheinlich Mitglied des westuropäischen Kulturkreises bist, entzifferst du als erstes das Zeichen ganz oben links. Der ist fast sicher einer der 20 Konsonanten, der 6 Vokale oder der 10 arabischen Zahlen. Das macht zusammen 36 Zeichen, genau so viele wie der Jass Karten hat. Wie du weisst kann jeder, der das will, die 36 Karten unterscheiden und erinnern. Die nachhaltige Existenz verdanken Spielkarten wie Schriftzeichen der Magie, die durch die unendlichen Möglichkeiten der Zusammenstellung von endlichen Symbolen entsteht.

Also, ganz links oben steht vielleicht ein A. Ein Stimmlaut. Der möchte gern ausgesprochen werden. Vielleicht hingehaucht, oder vollklingend entlässt er Spannung aus Körper und Seele und füllt den Raum zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Sag „A“. Versuche es einfach, wenn grad niemand in der Nähe ist, der es hören und dumme Fragen stellen könnte.

Du hast Glück, dass ich nicht das ganze Alphabet auf diese Weise durchgehe. Nur noch etwas über die Zahlen muss ich loswerden: Das erste Zeichen oben links könnte auch die Eins sein. Zahlen sind für die Logik zuständig. Ihre Magie ist die reine Wahrheit. 1 + 1 = 2. Daran lässt sich nicht rütteln. 1 Apfel und 1 Birne sind 3 Früchte geht nicht. Eine Birne und 1 Apfel sind 2 Äpfel geht auch nicht. Zahlen beginnen erst im Zusammenspiel mit Worten so richtig zu leben: 3 Fragezeichen, 7 Raben, 1001 Nacht.

Mit Schriftzeichen, zu Wörtern, Sätzen oder ganzen Büchern geordnet, lassen sich Welten erschaffen und zerstören. Laut gelesen werden sie zu Tönen, die wiederum Gefühle in uns auslösen und mit ihnen verbundene Erinnerungen wachrufen und uns so in einen Zustand künstlichen Erlebens bringen.

Kennst du die Buchstaben oder die Sprache nicht, wird ein Text, geschrieben oder gesprochen, zum Geheimnis, das du nur zu gerne erfahren möchtest, weil du vielleicht gerade in diesem Text die Antwort auf deine Fragen bekommen könntest.

Du wirst mir vielleicht glauben, dass auch mich solche Fragen beschäftigen, auf die ich keine befriedigende Antworten gefunden habe. Was liegt für einen mangelhaft Gebildeten wie mich näher, als diese Antworten da zu suchen, wo bald alles, was Menschen erdacht, erfunden, gelogen, gezwitschert, fotografiert, gezeichnet und gefilmt haben, in unüberschaubare Kaskaden von Ja- und Nein-Symbolen übersetzt und für jeden sofort abrufbar gesichert und gespeichert wird.

Und tatsächlich, ich habe sie gefunden, die Antworten auf alle Fragen. Es war ein langer Weg, aber da ich ihn nun mal gegangen bin, möchte ich dir nicht vorenthalten, was mir so lange verborgen geblieben ist. Vielleicht bin ich ein Schwindler, das zu beurteilen überlasse ich dir und rate dir von ganzem Herzen, niemals die Symbole mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Schon lange, seit der Gwunderi Lesen, Schreiben und Schriftsetzen gelernt hatte, hatte sich in seinem Kopf der Wunsch festgesetzt, einmal im Leben ein Buch zu schreiben. Nun, da er am hinteren Ende der Lebensreise angekommen war, fand er endlich die Musse, sich eingehender mit diesem Vorhaben auseinanderzusetzen. Wie er es bei der Arbeit gelernt hatte, versuchte er zuerst eine Struktur zu entwerfen, die er dann nach und nach mit geeigneten Inhalten zu füllen hoffte. Es sollte auf der Basis seiner gesammelten Lebenserfahrungen die Geschichte eines fiktiven Wanderers werden.

Vier grosse Abschnitte mit je 4 Kapiteln. Spannende emotionsgeladene Titel waren schnell gefunden:

Der Wanderer
– Das Finstertobel
– Die Himmelsleiter
– Der Kristallberg
– In alle Winde

Die Gottheit
– Die Mordburg
– Verlorener Glaube
– Eine andere Welt
– Das Ende der Zeit

Das Schicksal
– Licht und Schatten
– Kreuz und Quer
– Von Stern zu Stern
– Anfang und Ende

Heimkehr
– Erinnerung
– Der kleine Kreis
– Herbstwinde
– Der Diamant

Da es noch einige Zeit dauern kann, bis der Gwunderi dieses umfangreiche Werk – wenn überhaupt – fertiggestellt hat, werde ich an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen die eine oder andere Szene aus des Gwunderis „Wanderer“ veröffentlichen. Und ich höre jetzt endlich damit auf, über Buchstaben, Zahlen, Zeichen und Symbole zu schwafeln, sondern verspreche hoch und heilig, in Zukunft diese in einer möglichst lesenswerten Art und Weise zu kombinieren.

2 Gedanken zu „Das Buch vom Wanderer“

  1. Die Frage, wie ich lesen gelernt habe, kann ich nicht beantworten. Ich weiss es wirklich nicht. Fest steht, dass ich schon am ersten Schultag lesen konnte. Vermutlich hat mir das Bruder Werner beigebracht; ich habe ihm nämlich in allem nachgeeifert. Jahrelang. Ich bin ja dann auch Schriftsetzer geworden im gleichen Lehrbetrieb, arbeitete wie er an der „Tribune de Genève“, wanderte nach Australien aus, was er immer vorhatte aber nie machte, wurde zum Korrektor und schulte schliesslich zum Lehrer um, auch etwas, das er tun wollte, dann aber der Kinder wegen sein liess.
    Zurück zum Lesen. Ich erinnere mich, dass wir in der 1. Klasse Büchlein wie „Anneli und Hansli“, „Mutzli“ und dergleichen lasen. Eines Morgens fragte mich „Bischi“, unser Lehrer, ob wir die Aufgaben gemacht hätten, lesen einiger Seiten aus einem dieser Büchlein. „Wie oft hast du es gelesen?“, fragte er mich. Aus dem Blauen heraus antwortete ich: „14 mal.“ Darauf versetzte er mir links und rechts eine Ohrfeige und schalt mich einen Lügner. „Gar nie hast du den Text gelesen. Hier ist das Büchlein. Du hast es gar nicht nach Hause mitgenommen!“
    Zur Strafe musste ich als Erster den ganzen Text vorlesen, was ich unter Tränen aber fehlerlos zustande brachte.
    Buchstaben, Wörter, Bücher hatten mich schon immer fasziniert. Ich las alles, was mir in die Hände kam. Den Setzkasten in der Schule liebte ich. Aufsätze, Nacherzählungen, Grammatik ebenfalls.
    Ich habe jedes Buch in der kleinen Schulbibliothek bis Ende der 4. Kl. gelesen. An die 2 letzten erinnere ich mich noch genau: „Nils Holgerson und die Wildgänse“ von Selma Lagerlöf, ein grosses, dickes reich bebildertes Buch, und als Letztes „Das letzte Stündlein des Papstes“ von Heinrich Federer. Ich hatte den Inhalt nicht verstanden und deshalb hatte ich das Buch auch nicht gerne gelesen, was sonst nicht vorkam.
    Auch ich wollte schon lange ein Buch schreiben, eines über die vielen skurrilen Menschen, die ich im Leben kennen gelernt habe und über Erinnerungen an Ereignisse in meinem Leben, Stationen, welche für mich von Wichtigkeit waren und noch sind.
    Manche der Menschen, welche ich gerne beschreiben würde hatten und haben noch Namen, die ich nicht ändern möchte und kann. Teils sind es Übernamen, treffend und prägend für eine Figur. Andere Menschen leben noch oder haben Nachfahren; wenn ich schriebe möchte ich keine Rücksicht nehmen müssen, nähme ich kein Blatt vor den Mund. Ich müsste auch mein Innerstes preisgeben. Deshalb verlässt mich mein Mut und ich überlasse das Schreiben anderen, die das ohnehin besser können als ich. Zum Beispiel dir, Max. Und ich werde mich weiterhin an deinen tiefsinnigen Geschichten erfreuen. Mach du weiter.

  2. Ich werde den Gwunderi ab und zu auf seiner Wanderung begleiten und für Ordnung in seiner Verwendung der Buchstaben besorgt sein. Dass er, wenn er zum Beispiel LIEBE TANTE! auf einer Postkarte schreiben will, keinenfalls schreibt TRIEBE KANTE! oder SIEBE DANTE!

    Martin

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