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Wo bleibt Walter?

Es könnte doch sein, dass deine Tochter, dein Sohn, dein Enkel, deine Enkelin oder sonst jemand dich statt „Wie geht’s dir?“ danach fragt wie denn eigentlich die Welt funktioniert. Was antwortest du darauf? Das wird dann wohl der Beginn eines längeren oder kürzeren Zwiegesprächs.

Eine mögliche Antwort darauf wäre eine Gegenfrage: „Warum willst du das wissen?“. Vielleicht bekommst du dann zu hören: „Weil mir jeder etwas anderes erzählt“. Du bist also jetzt die Vertrauensperson, die auf jeden Fall nicht aus Eigennutz falsche Wahrheiten von sich gibt. Auch wenn du nicht alles an dieser Welt verstanden hast, kannst du versuchen, das was du weisst in Worte zu fassen.

Nun bist du ja nicht der Erste, der das versucht. Seit der Mensch zum erstenmal etwas zum funktionieren gebracht hat, hat er sich wahrscheinlich diese Frage gestellt. Eine funktionierende Welt ist also erst einmal etwas, das sich ein Mensch ausdenkt. Er kann sich auch eine nicht funktionierende Welt ausdenken, wenn das irgend einen Sinn macht. Eine mögliche Aussage wäre: „Die Welt ist einfach da. Es ist deine Welt. Mach damit, was du willst.“

Vielleicht ist der Frögli jetzt enttäuscht oder zufrieden und geht seines Wegs. Oder er sagt: „Ich möchte das Richtige tun, aber ich weiss nicht, was das Richtige ist.“ Jetzt wirst du zur moralischen Instanz, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden können muss. Jetzt wird es ernst. Wir haben ja die 10 Gebote, das ist schon mal etwas. Manche davon sind zwar etwas aus der Mode gekommen aber für den Anfang hilft das vielleicht weiter.

Den 10 Geboten entnehmen wir zwar nicht, wie die Welt funktioniert, aber wir ahnen, wie der Mensch funktioniert. Er kann sich entscheiden, so oder so. Es kann ihm in den Sinn kommen, jemanden oder etwas anzubeten. Er kann neidisch und missgünstig sein. Er kann verachten und gewalttätig sein. Er kann lügen und stehlen. Er kann künstliche Dinge erschaffen und diese verehren. Er kann quälen und töten. Er kann, aber er muss nicht. Er kann sich frei entscheiden für „Gut“ oder „Böse“. Und was ist jetzt das Richtige?

Der Starke, der Weise, der Kluge und Walter sitzen als Schiffbrüchige im selben Boot, sehen kein Ufer und haben nur noch ein Stück Zwieback übrig. Was ist das Richtige? Variante A: Der Starke wirft die drei anderen aus dem Boot, isst den Zwieback und rudert weiter, solange er kann. Variante B: Der Weise erkärt in welcher Richtung und Entfernung man rechtzeitig auf Land trifft, wenn man mit vereinten Kräften rudert, und verteilt den Zwieback zu gleichen Teilen. Oder C: Der Kluge verspricht dem Starken den halben Zwieback und lässt Walter vom Starken aus dem Boot werfen.

Und wo bleibt jetzt Walter? Allein hat er keine Chance. Also brauchen wir mehr Walter und mehr Zwieback. Sagen wir 10 Walter und 20 Stück Zwieback. Jetzt sieht die Sache schon anders aus. Der Kluge nimmt die Organisation in die Hand. Er übergibt die Navigation dem Weisen. Dem Starken überträgt er die Bewachung der Vorräte. Die zehn Walter dürfen rudern und bekommen anschliessend ein Stück Zwieback als Lohn. Je ein Drittel müssen sie dann dem Starken und dem Weisen abgeben.

Kaum kommt Land in Sicht, erlässt der Kluge neue Regeln. Der Anteil des Weisen geht neu an den Starken. Der Starke ist erfreut und geniesst die Ehre. Der Weise erkennt plötzlich die Ungerechtigkeit auf dem Boot und ruft zur Meuterei auf. Sie werfen den Starken und den Klugen gemeinsam über Bord. Die Walter balgen sich um den restlichen Zwieback und der Weise schwimmt an Land. Es zieht ein Sturm auf und das Boot mit den streitenden Waltern verschwindet im Ozean. Der Ozean hat kein Problem damit. So funktioniert der Mensch.

Das ist ja wie gesagt nur eine Vorstellung, die ich mir gemacht habe. Dabei habe ich zum Beispiel die Frauen einfach weggelassen. Das würde alles ändern, wenn sie da mitspielen dürften. Der Mensch, also du, funktionierst eigentlich nicht wirklich. Du bist einfach da. Das bist du. Du kannst damit machen, was du kannst. Du solltest ein bisschen klug, weise, stark und auch eine Laura oder ein Walter sein, dann wirst du bestimmt das Richtige tun.

Kurz gesagt: Die Welt funktioniert wie der Mensch funktioniert und der Mensch funktioniert, wie du funktionierst und das nur für kurze Zeit und deshalb heisst es die Chance packen, profitieren und sofort zugreifen. Zeit ist Geld und Geld ist Gott – und das soll’s dann gewesen sein?

Liebe Weise, Starke, Kluge, Reiche und Mächtige, das haben die Regenwälder, Ozeane, Südseeinseln, Delfine, Elefanten, Spatzen, Wale und Laura und Walter und ihre Kinder und Enkel nicht verdient.

2 Gedanken zu „Wo bleibt Walter?“

  1. Mit dieser Geschichte, lieber Max, hast Du mich ziemlich erwischt. Beim Lesen des Titels, der ja nach dem Verbleib von Walter fragt, ging mir als erstes durch den Kopf: Wen kümmert das?
    Dann gingen meine Gedanken dahin, wo meine böse, gedankliche Entgegnung entstand:
    Mein Vater ist in meiner Erinnerung eine Figur die von sich behaupten würde, in Deiner Geschichte mindestens der Kluge zu sein. Auch den Platz des Weisen hat er oft – allzu oft – für sich beansprucht. Die Rolle des Starken hätte er nie spielen wollen. Wahrscheinlich auch nicht können. Sich für diesen Part fit zu machen, wäre ihm viel zu anstrengend gewesen. Anders, als beim Weisen und Klugen, merkt es das Umfeld sehr schnell, ob man wirklich so stark ist, wie man vorgibt. Mit Halbwissen glänzend und dieses vollmundig vorgetragen, fand er immer Leute, die ihm den Zwieback zur Verwaltung überliessen und seinen Empfehlungen, wem, wann und warum, wieviel Zwieback zugestanden wird, bereitwillig folgten. Die Weisheit beanspruchte er für sich immer dann, wenn er nachweisen konnte, weshalb einer nur wenig, oder gar keinen Zwieback erhielt. Egal, ob einer nun Zwieback verlangte, um das Boot zu rudern, oder weil einer das Gebäck dem Vater einst zu treuen Händen übergab. Er deklamierte mit geübter, jovialer Scheinplausibilität die fahrlässige Selbstverschuldung des Geprellten. So sammelten sich im Laufe der Jahre immer mehr Zeitgenossen an, die diesen Vater vielleicht nicht, auch nicht bei günstiger Gelegenheit über Bord gestossen hätten. Die mindestens aber nur halbherzig oder gar nicht an einer Suchaktion teilgenommen hätten, wäre er denn einmal über die Reling gekippt.
    Zu letzteren hätte, wenigstens in meinen jüngeren Jahren, auch ich gehört. Wäre also irgendwann der Warnruf „Mann über Bord“ ertönt, ich wäre in der Masse der Rettungsaktion Verweigerer untergetaucht.
    Und der Grund, für mein Erinnern? Mein Vater heisst Walter. (Stell Dir mein Entsetzen an der Stelle vor, wo Du gleich 10 von denen ins Boot holst.)
    Ich las Deine Geschichte also irgendwie durch die erinnerten Vaterfigur-Bilder hindurch. Und las sie gleich nochmals, die Bilder der Vergangenheit schon besser in den Hintergrund gerückt. Nach der dritten Lektüre schob sich dann endlich dieses, von mir gewünschte und mit Spannung erwartete Nachdenken laut und deutlich in den Vordergrund. Ein Geschehen, das bei jeder Deiner Geschichten zwar einsetzt, diesmal aber abgeglichen, übereinandergelegt, subsumiert und konterkariert wurde mit dem Mensch, der ich einmal war, dem, der ich jetzt bin und Deinem Aufruf an die Mächtigen, welche die Richtung des Boots und das Geschehen im Boot lenkend beeinflussen. Heraus kam dabei die Manifestierung einer Überzeugung, oder das Bewusstwerden eines Wissens, das schon lange in mir wohnt.
    Wir heissen uns selbst; zivilisiert. Eine Zivilisation, so wie wir sie verstehen, besteht nun aus Individuen. Das Individuum wiederum basiert auf dem Subjekt. Ein Subjekt, hier raffe ich mehrere lexikalische Beschreibungen zusammen, ist immer Teil eines Ganzen. Ein Individuum ist letztendlich ein Subjekt, das nie aufhört, das Ganze in Anspruch zu nehmen. In diesem Gedankengang lässt sich unschwer die Abhängigkeit eines Menschen von Seinesgleichen erkennen.
    Wenn ich mir nun Distanz zur Zivilisation schaffe. Das Gewusel, das Verweilen, das Nebeneinander und Hintereinander, das Miteinander und die allzu zahlreichen Kollisionen aus der Ferne betrachte, dann geht mir durch den Kopf, dass die Zivilisation etwas hoch Explosives ist. Die Zivilisation scheint das Zusammenführen hochgefährlicher Energien zu sein, und der Versuch dieses Gebilde mit friedlichen Mitteln zusammen zu halten.
    Wenn ich mich nun, als zivilisiertes Individuum, nach meinen eigenen Betrachtungen richte, habe ich einerseits das Recht, mich an andere zu wenden, wenn ich das möchte oder brauche, andererseits die Pflicht, mich selbst von anderen in Anspruch nehmen zu lassen. Will ich also nicht auf die selbe Stufe sinken, wo die von Dir genannten Machthaber schon stehen, dann müsste ich den Walter aus meiner Geschichte, ginge er über Bord, zu Deinem Walter ins Boot zurück holen. Tatsächlich hätte ich das seit einigen Jahren auch getan. ((Ziemlich sicher). (Sehr wahrscheinlich).) Nur ist mir das erst durch Deine Geschichte ins Bewusstsein gerückt.
    Der Zufall Deiner Namenswahl für den zentralen Protagonisten, war zwar dieses Mal ein für mich besonderer Umstand. Das mich Deine Geschichten aber immer vorzüglich unterhalten und zum willkommenen Verweilen einladen, trifft immer zu. Es ist mir eine Freude, die Welt durch die Augen eines kundigen Betrachters mit ansehen zu dürfen. Auch wenn es um keine sonderlich erbauliche Themen geht, wie diese Walter Geschichte, so lasse ich mich nur allzu gern von Deiner Freude am Leben infizieren. Eine Freude, die man nicht nur daran entdecken kann, dass Du eine Geschichte erzählst, sondern vielmehr daran, wie Du sie erzählst. Immer in der richtigen Geschwindigkeit, mit Umsicht beim Geschehen wie auch in der Wortwahl. Keine Gewissheiten verkündend, sondern Fragen stellend und im Leser erzeugend. Auf kleiner Fläche immer das Maximum sagend (im Gegensatz zu mir). Das hat grosse Klasse.
    Es ist mir eine Ehre, mich mit Dir unterhalten zu dürfen und ich bin dankbar für die Spannung die meine Zeit erfährt, bis wieder eine neue Geschichte von Max erscheint.
    Und jetzt, lieber Max, wünsche ich Dir alles Gute zum Geburtstag
    Und – ich berufe mich als Individuum auf das „Ganze“ – auf dass uns Deine Geschichten noch sehr lange erreichen.
    Markus

  2. Du erzählst – ganz im christlichen Sinn – dem jungen , neugierigen Menschen als Antwort das Zwieback-Boot-Gleichnis. Ein gutes Gleichnis, das allerdings die Frage, wie die Welt funktioniere, nicht beantwortet. Eigentlich funktioniert die Welt an sich – und damit meine ich die Erde, den Globus – autonom, ganz ohne Mensch. Sollte die Menschheit sich eines Tages ganz ausgerottet haben, wird die Welt selbständig weiter existieren.
    Aber wie funktioniert sie, jetzt oder ohne Mensch? Sie wird und lässt sich von uns beeinflussen, passt sich an, indem sie auf unsere Umwelt-Schändungen entsprechend reagiert. Aber wie macht sie das ?
    Ich glaube , ich hätte dem jungen Fröögli so geantwortet, wie es Oscar Wilde einmal formuliert hat: „Ich bin nicht mehr jung genug, um alles zu wissen.“ Vielleicht etwas feige …?

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