Wo bleibt Walter?

Es könnte doch sein, dass deine Tochter, dein Sohn, dein Enkel, deine Enkelin oder sonst jemand dich statt „Wie geht’s dir?“ danach fragt wie denn eigentlich die Welt funktioniert. Was antwortest du darauf? Das wird dann wohl der Beginn eines längeren oder kürzeren Zwiegesprächs.

Eine mögliche Antwort darauf wäre eine Gegenfrage: „Warum willst du das wissen?“. Vielleicht bekommst du dann zu hören: „Weil mir jeder etwas anderes erzählt“. Du bist also jetzt die Vertrauensperson, die auf jeden Fall nicht aus Eigennutz falsche Wahrheiten von sich gibt. Auch wenn du nicht alles an dieser Welt verstanden hast, kannst du versuchen, das was du weisst in Worte zu fassen.

Nun bist du ja nicht der Erste, der das versucht. Seit der Mensch zum erstenmal etwas zum funktionieren gebracht hat, hat er sich wahrscheinlich diese Frage gestellt. Eine funktionierende Welt ist also erst einmal etwas, das sich ein Mensch ausdenkt. Er kann sich auch eine nicht funktionierende Welt ausdenken, wenn das irgend einen Sinn macht. Eine mögliche Aussage wäre: „Die Welt ist einfach da. Es ist deine Welt. Mach damit, was du willst.“

Vielleicht ist der Frögli jetzt enttäuscht oder zufrieden und geht seines Wegs. Oder er sagt: „Ich möchte das Richtige tun, aber ich weiss nicht, was das Richtige ist.“ Jetzt wirst du zur moralischen Instanz, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden können muss. Jetzt wird es ernst. Wir haben ja die 10 Gebote, das ist schon mal etwas. Manche davon sind zwar etwas aus der Mode gekommen aber für den Anfang hilft das vielleicht weiter.

Den 10 Geboten entnehmen wir zwar nicht, wie die Welt funktioniert, aber wir ahnen, wie der Mensch funktioniert. Er kann sich entscheiden, so oder so. Es kann ihm in den Sinn kommen, jemanden oder etwas anzubeten. Er kann neidisch und missgünstig sein. Er kann verachten und gewalttätig sein. Er kann lügen und stehlen. Er kann künstliche Dinge erschaffen und diese verehren. Er kann quälen und töten. Er kann, aber er muss nicht. Er kann sich frei entscheiden für „Gut“ oder „Böse“. Und was ist jetzt das Richtige?

Der Starke, der Weise, der Kluge und Walter sitzen als Schiffbrüchige im selben Boot, sehen kein Ufer und haben nur noch ein Stück Zwieback übrig. Was ist das Richtige? Variante A: Der Starke wirft die drei anderen aus dem Boot, isst den Zwieback und rudert weiter, solange er kann. Variante B: Der Weise erkärt in welcher Richtung und Entfernung man rechtzeitig auf Land trifft, wenn man mit vereinten Kräften rudert, und verteilt den Zwieback zu gleichen Teilen. Oder C: Der Kluge verspricht dem Starken den halben Zwieback und lässt Walter vom Starken aus dem Boot werfen.

Und wo bleibt jetzt Walter? Allein hat er keine Chance. Also brauchen wir mehr Walter und mehr Zwieback. Sagen wir 10 Walter und 20 Stück Zwieback. Jetzt sieht die Sache schon anders aus. Der Kluge nimmt die Organisation in die Hand. Er übergibt die Navigation dem Weisen. Dem Starken überträgt er die Bewachung der Vorräte. Die zehn Walter dürfen rudern und bekommen anschliessend ein Stück Zwieback als Lohn. Je ein Drittel müssen sie dann dem Starken und dem Weisen abgeben.

Kaum kommt Land in Sicht, erlässt der Kluge neue Regeln. Der Anteil des Weisen geht neu an den Starken. Der Starke ist erfreut und geniesst die Ehre. Der Weise erkennt plötzlich die Ungerechtigkeit auf dem Boot und ruft zur Meuterei auf. Sie werfen den Starken und den Klugen gemeinsam über Bord. Die Walter balgen sich um den restlichen Zwieback und der Weise schwimmt an Land. Es zieht ein Sturm auf und das Boot mit den streitenden Waltern verschwindet im Ozean. Der Ozean hat kein Problem damit. So funktioniert der Mensch.

Das ist ja wie gesagt nur eine Vorstellung, die ich mir gemacht habe. Dabei habe ich zum Beispiel die Frauen einfach weggelassen. Das würde alles ändern, wenn sie da mitspielen dürften. Der Mensch, also du, funktionierst eigentlich nicht wirklich. Du bist einfach da. Das bist du. Du kannst damit machen, was du kannst. Du solltest ein bisschen klug, weise, stark und auch eine Laura oder ein Walter sein, dann wirst du bestimmt das Richtige tun.

Kurz gesagt: Die Welt funktioniert wie der Mensch funktioniert und der Mensch funktioniert, wie du funktionierst und das nur für kurze Zeit und deshalb heisst es die Chance packen, profitieren und sofort zugreifen. Zeit ist Geld und Geld ist Gott – und das soll’s dann gewesen sein?

Liebe Weise, Starke, Kluge, Reiche und Mächtige, das haben die Regenwälder, Ozeane, Südseeinseln, Delfine, Elefanten, Spatzen, Wale und Laura und Walter und ihre Kinder und Enkel nicht verdient.

Eine unglaubliche Geschichte

In einer lauen Vollmondsommernacht sass der Gwunderi in der Lichtung beim grossen Steinkopf an der Töss, einen Servelat an einer Haselrute über der schönsten Glut seines kleinen Feuers sorgfältig auf allen Seiten knusprig bratend, als sich ein Unbekannter näherte und höflich fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Der Gwunderi hatte nichts dagegen einzuwenden und bot ihm die zweite Wurst an, die er in Reserve hatte. Der Unbekannte nahm dankbar an und als die beiden fertig gespeist hatten, begannen sie eine Unterhaltung, in deren Verlauf der Fremde die folgende unglaubliche Geschichte erzählte:

In einem kleinen Land am Fusse der Alpen lebte einst ein urchiger Schaffer, der nach seiner Lehrzeit als Bauer die Rechtswissenschaften studierte und in einer Chemie-Fabrik bis in die Direktionsebene aufstieg. Die Besitzer beauftragten ihn mit dem Verkauf der Firma, was ihm wegen der schlechten Wirtschaftslage die Gelegenheit bot, diese gleich selbst zu übernehmen, um die Arbeitsplätze der Mitarbeiter erhalten zu können. Dies gelang und in Zusammenarbeit mit einem unkonventionellen Bankier und Feund wurde er innert weniger Jahre zu einem der reichsten Männer des kleinen Landes.

„Und wie hat er das geschafft?“ fragte der Gwunderi, der gwunderig geworden war.

Schon als Student hatte er sich politisch engagiert und war durch seine markante Präsenz und seine ökonomische Bildung bald an der Spitze der bäuerlich nationalen Partei angelangt. Er sah weit in die Zukunft und formte seine Partei nach seiner Weltsicht. Auf den Plakatwänden verteidigte er das kleine, fleissige, reiche Land gegen faule, schmarotzende Ausländer und fremde Herrschaftsansprüche. Das liess seine Partei stetig wachsen, bis sie die traditionellen Arbeiter- und Unternehmerparteien überholt hatte und die wählerstärkste Partei des Landes geworden war. So war er zugleich Milliardär und Volkspolitiker geworden.

„Wer soviel Erfolg hat, wird auch Feinde haben und das nicht zu knapp!“ sagte der Gwunderi, der sich fragte, wie die Geschichte wohl enden würde.

Der Fremde erzählte weiter: Ja, das ist richtig. Da sind einmal die Robin Hoods, die den Reichen ihr Geld wegnehmen und es unter die Armen verteilen wollen. Dagegen hilft nur eine starke Polizei und Armee. Dann sind da die alten Mächte wie der Hochadel, die nichts hergeben wollen und die Wallstreet-Banker, die nie genug bekommen können. Dagegen hilft vor allem die eigenständige Nation, die sich von niemandem etwas vorschreiben lässt. Das seit langer Zeit bestehende Bankgeheimnis hatte die Banken des kleinen Landes zu den grössten der Welt anwachsen lassen. Die Stabilität und Verschwiegenheit dieser Banken häufte auf ihren anonymen Nummernkonten die unglaublichsten Reichtümer aus aller Welt an.

Der Rohstoffhandel, die internationalen Sportverbände, die Versicherungsindustrie, der Welthandel und die Luxusbranche hatten es sich in dem kleinen Land gemütlich gemacht. Eines schönen Tages bekam der urchige Schaffer eine Einladung an eines dieser Treffen, wo sich die Mächtigen dieser Welt unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Aussichten austauschten. Er erfuhr dort, dass man sein Land als Rückzugsort ausgesucht hatte, falls die bevorstehenden Entwicklungen dies nötig machen würden. Er wurde gebeten, dahingehend zu wirken, dass möglichst alles so bleibe, wie es war. Dass man steuergünstig Domizil erhalten könne und gehobene Infrastrukturen gepflegt und beschützt würden.

„Was für welche bevorstehenden Entwicklungen waren denn da gemeint?“ fragte der Gwunderi den Fremden.

Das wisse er auch nicht, sagte der Fremde und fuhr mit der Geschichte weiter: Dieses grüne Licht von ganz oben für seine national-konservative Politik gab dem urchigen Schaffer die Bestätigung, dass er immer auf dem richtigen Weg gewesen sei. Er begann noch grösser zu denken. Seine Firma hatte er schon an seine Tochter abgegeben, als er Bundesrat geworden war. Als er, wegen der Berichterstattung in der Presse und anderer Neider, die Wiederwahl verpasst hatte, begann er sich seine eigenen Medien zu schaffen. Die etablierten Medien bekamen einen Wink von ganz oben, dass seinen Aktivitäten keine Steine in den Weg gelegt werden sollten. Aufmüpfige Secondos und junge Wilde wurden durch prügelfreudige rechtsnationale Hooligans im Zaum gehalten und aufrührerische Weltverbesserer wurden als Verschwörungs-Theoretiker lächerlich gemacht.

Während rund um das kleine Land die Religionen, die Mafia, der militärisch-industrielle Komplex, die globalen Finanzmärkte, die Geheimdienste, der alte Hochadel und die jungen Informations-Technologen den Erdball ohne Rücksicht auf die Bevölkerungen umpflügten und ausbeuteten, verlegten immer mehr der Reichsten und Mächtigsten der Erde ihren Wohnsitz in das kleine Land, welches in Wohlstand und Luxus erstrahlte, wie der Christbaum an Weihnachten. Er war älter geworden, hatte sich vom Tagesgeschäft zurückgezogen und begann sich über die Nachwelt Gedanken zu machen. Er hatte viel erreicht, eigentlich alles, er war reich, er hatte recht behalten, er hatte eine wunderbare Bildersammlung und eine treue und mitdenkende Frau, erfolgreiche Kinder, was will man mehr.

„Und dann …?“ fragte der Gwunderi gwunderig.

Ja und dann habe ich einfach Lust bekommen, in dieser lauen Vollmondsommernacht zum grossen Steinkopf an die Töss zu spazieren, an ein Feuer zu sitzen und mit jemandem über alles zu reden. Und der wunderbare Servelat war dann noch das Tüpfli auf dem i.
Ha gschlosse!

Des Gwunderis Prinzessin

Als die Prinzessin dem Gwunderi das erste Mal über den Weg lief, war er etwa dreizehn Jahre alt und mit dem Velo auf dem Heimweg von der Sekundarschule. Die Prinzessin war damals vielleicht drei oder vier und hüpfte mit ihren blonden Haaren in der goldenen Abendsonne über die Strasse. Er dachte, er hätte gerade einen kleinen Engel gesehen und das Bild setzte sich in allen froh gestimmten Zellen seines Gedankennetzes fest. Und da ist es bis heute geblieben.

Vielleicht ein Jahr später, er konnte mir das nicht mehr so genau sagen, traf der Gwunderi die Prinzessin zum zweiten Mal an. An der Töss, beim Toni, konnte man im Sommer wunderbar baden und danach ins Gras liegen und den vorbeiziehenden Schönwetter-Wolken zusehen. Die Prinzessin hatte inzwischen altersmässig zu ihm aufgeholt und dunkle Haare bekommen. Sie lag beim Wolkengucken neben dem Gwunderi und liess ein kleines Kind über ihren Bauch rollen. Rauf und runter, hin und her. Und auch dieses Bild wollte dem Gwunderi nicht wieder aus dem Kopf gehen.

Zwei Jahre darauf traf er die Prinzessin erneut. Sie sprach plötzlich Schaffhauser-Dialekt, war Serviertochter in Gwunderis Lieblings-Café und war ein paar Jahre älter als er. Über den Mitstift, der auch aus dem Schaffhausischen kam, besorgte sich der überaus schüchterne Gwunderi ein kleines Föteli der Prinzessin und heftete es neben seinem Bett mit einem Reissnagel an die Wand. Er war überglücklich, wenn sie ihn freundlich ansah und ihm den bestellten Zmittag-Hotdog in die Hand drückte.

Als er etwa achtzehn Jahre alt war, hatte er eine Ein-Zimmer-WG in seinem Lieblings-Café, die Prinzessin war wieder etwas jünger geworden und ihr Lippenstift schmeckte unwiderstehlich nach Veilchen oder Flieder. Als sie mit ihren Eltern in die Sommerferien fuhr, schrieb er seinen ersten Liebesbrief und bekam eine Antwort, die vieles offen liess. Und den Gwunderi hoffen liess.

Mit neunzehn mit dem Keyboarder seiner Band im hochsommerlich heissen Sizilien auf dem Campingplatz unterhalb des Ätna erschien sie für ein paar Augenblicke im Leoparden-Bikini als Tochter von deutschen Touristen. Das hatte zur Folge, dass der Gwunderi den gesamten Rest der Sommerferien tagsüber die Augen geschlossen hielt und nachts so lange sehnsüchtig in die Sterne blickte, bis es zu kalt wurde und er in seinen Schlafsack kriechen musste.

Du denkst bestimmt, jetzt reicht’s dann mit den ewigen Verwandlungskünsten. Weit gefehlt. Es gibt noch viel, viel mehr zu berichten.

Der Gwunderi hat sich selbst nie für einen Prinzen gehalten und auch sonst keine Prinzen angetroffen. Und trotzdem hat er sein Leben lang nach der Prinzessin Ausschau gehalten. Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht hatte er zu viele Bücher gelesen und zuviele Filme gesehen. Wie dem auch sei, gegen seine Gefühle ist der Mensch machtlos, auch wenn sie sich an den Realitäten vorbei im eigenen Irrgarten verlaufen.

Erstaunlicherweise gab die Prinzessin niemals auf. In unregelmässigen Abständen versuchte sie in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen den Gwunderi zur Vernunft zu bringen. Dazwischen fühlte er sich oft sehr einsam. Einmal, nach einer wunderbaren ersten Nacht mit der Prinzessin, war er unendlich glücklich und traurig zur gleichen Zeit. Schöner konnte es unmöglich werden. Also musste es weniger schön werden. Also besser allein bleiben? Oder gemeinsam ein anderes Glück finden?

Wenn du ein bisschen etwas von den Menschen verstehst, fragst du dich jetzt sicher, ob dem Gwunderi nie in den Sinn gekommen ist, seiner Prinzessin das Diadem vom Köpfchen zu nehmen und ihm das Sternenkleidchen auszuziehen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, konnte er mir diese Frage nicht beantworten. Er meinte nur, dass es vielleicht die falsche Entscheidung gewesen war, als er beschloss, sich kurz vor der Geburt doch noch umzudrehen und mit dem Kopf voran in diese Welt zu kommen.

Diese Entscheidung hat viele Tränen und auch viel Glück gebracht und wie sagt der Fussballer beim Interview nach dem Spiel immer und jedesmal: „Wir müssen vorwärts schauen!“. Und wenn er verloren hat, sagt er auch noch: „Analysieren“. Und was mache ich denn gerade anderes, wenn ich des Gwunderis Prinzessin nachsinne?

Die Prinzessin hat alles gegeben: Sie hat ihm Vertrauen geschenkt, sie hat ihm Kinder geschenkt, sie hat ihm Freude geschenkt, sie hat ihn geliebt. Und was hat sie dafür bekommen? Bewunderung, Verständnis, Vertrautheit, Zuverlässigkeit, Vernunft und andere langweilige Dinge. Hart aber fair. Der Gwunderi hat verloren. Er hat mich gebeten auszurichten, dass er sich bei allen entschuldigt, die durch ihn zu leiden hatten.

Die Prinzessin darf sich jetzt für hundert Jahre hinter das undurchdringliche Rosengestrüpp zurückziehen und ausschlafen. Und wenn sie Lust hat, darf sie auch vom Prinzen träumen, aber nur solange, bis sie wieder aufgewacht ist.

Baustelle im Kopf

Es soll ja Leute geben, die machen sich in der Pubertät ein Bild von der Welt und halten daran fest, bis sie diese endgültig verlassen. Beim Gwunderi war das nicht so. Hineingeboren in eine Welt aus Wiesen, Wäldern, Bächen, Tieren und eine überschaubare Anzahl von grundverschiedenen Menschen zog er in die nahegelegene kleine Industriestadt um einen gescheiten Beruf zu erlernen.

Und schon erfuhr er zum ersten Mal, dass die „Guten“ zu den „Bösen“ werden können und die „Bösen“ zu den „Guten“. Natürlich schlug er sich wenn möglich auf die Seite der „Guten“, was aber verständlicherweise schwierig ist, wenn diese sporadisch die Farbe wechseln. Es dauerte seine Zeit, bis er zum Beispiel die sehr respektablen Herren Vorgesetzten in seinem Weltbild an die Stelle gerückt hatte, die sie als Schinder, Tüpflischiisser und Menschenverachter verdient hatten.

Aus Protest liess er sich die Haare lang wachsen und trieb sich in seiner Freizeit mit zwielichtigen Musikanten und Revoluzzern herum, die sich aber als gute Kameraden und inspirierende Bewohner von Oasen der Menschlichkeit entpuppten. Dann kamen die Drogen und eines Nachts stand der Gwunderi allein auf dem Asphalt der Stadt in der LSD erfunden worden war und sah vor sich das Höllenfeuer aus dem Pflaster steigen. Der Gwunderi wurde ein Anderer und von dem Tag an hatte er keine Angst mehr vor dem Tod.

Die Zeit verging und sein erstes Kind kam zur Welt. Über Verantwortung hatte er sich bis dahin keine Gedanken gemacht. Arbeitest du, bekommst du Lohn und wenn du nicht mehr ausgibst, als du bekommst, hast du keine Probleme. Schlagartig wurde ihm klar, dass nicht der Staat und nicht der liebe Gott und auch kein anderer Mensch ihm und seiner Frau die Verantwortung für das neue Menschenkind abnehmen würden. Es lag an ihnen ganz allein.

Er wollte nun für die junge Familie sorgen und fand eine höchst interessante Stelle in einem Beruf, den es bisher noch nicht gegeben hatte. Er wurde einer der ersten drei Computergrafiker im ganzen Land und keiner wusste, wie das funktionierte. Der rastlose Fototechnik-Unternehmer, der die Stelle ausgeschrieben hatte, hatte in den USA die europaweit erste Anlage bestellt, die ab digitalen Daten Grafiken auf Dias belichten konnte. Die Belichtungseinheit allein füllte einen ganzen Büroraum und die zwei Workstations für die Erstellung der Grafiken einen zweiten. Zwei Amerikaner instruierten die drei absoluten Computerneulinge auf amerikanisch, was so gut wie nichts brachte.

Der Gwunderi, der bisher mit realen Dingen wie Bleiklötzli, Karton, Folie, Klebstoff, Fotopapier und anderem gearbeitet hatte, trat in die virtuelle Welt der digitalen Datenverarbeitung ein. Es fühlte sich an wie Zellteilung: Plopp-Aha-Plopp-Plopp-Aha und so weiter. Ein neues Denken wurde geboren. Zum Beispiel ein Kreisdiagramm mit drei Segmenten zu 10%, 30% und 60%: Tastatur mit Funktionstasten, Begin Sequence, New Figure, Color 30, Type Circle, Origin 84/54, Start 0, End 36, End Sequence. Es erscheint ein grünes Kreissegment am Bildschirm. Das Schritt-für-Schritt-Ding in der vorgegebenen Reihenfolge, bin ich denn selber ein Roboter, oder was?

Hatte der Gwunderi früher hauptsächlich mit den Tücken der unterschiedlichsten Objekte zu kämpfen gehabt, unterlag jetzt plötzlich alles der reinen, nackten, kalten Zahlenlogik. Es gab im Ganzen 36 Farben, 3 Figurtypen und dann noch Koordinaten und Schriftarten und Schriftgrössen. Wenn er nach einem überstandenen Arbeitstag im Zug nach Hause fuhr, passierte ihm häufig dieses Plopp-Aha-Plopp-Ding und mit der Zeit bekam er Schwierigkeiten mit den Emotionalitäten der Mitmenschen, die noch in ihrer irrationalen realen Welt gefangen waren.

Lange Zeit ist der Gwunderi der virtuellen digitalen Welt treu geblieben. Als er dann wegen fortgeschrittenen Alters in den Ruhestand geriet, hatte sich diese neue Welt überall breitgemacht. Selbst die Frauen, die sich lange dagegen gewehrt hatten, hatte sie sich zu Untertaninnen gemacht, indem sie sich als Schnädertante verkleidete. Die weltweite Verbreitung des Internets schuf eine völlig neue Welt, in der jederzeit überall alles zur Verfügung stand. Jedenfalls alles virtuelle. Wasser und Nahrung waren noch nicht virtuell und standen nicht jederzeit und überall zur Verfügung und daran hatte wahrscheinlich keiner gedacht oder so.

Und so wollte der Gwunderi halt wissen, woher dieser Fehler im System kommt. Und wenn man heutzutage etwas wissen will, fragt man Google. Und wiedereinmal musste der Gwunderi nach wochenlangen Recherchen sein Weltbild komplett über den Haufen werfen. Er hat nämlich folgendes dabei herausgefunden: Die virtuelle Welt greift nach den Sternen, die reale Welt verabschiedet sich von den Menschen, die Reichen und Mächtigen wollen noch mehr Reichtum und Macht und die übrigen haben Wünsche und Hoffnungen oder keine mehr.

Ich will mich jetzt nicht lange über die Illuminati, NineEleven, Putin-Bashing, die verbotene kurdische Arbeiterpartei, die Gleichschaltung der internationalen Presse, Bilderberger, Demokratur oder griechische Staatsschulden auslassen. Aber einen Rat für unseren Helden habe ich schon noch: Der Gwunderi sollte es vielleicht seinen Ruhestands-Genossen gleichtun und die AHV-Rente am Kiosk statt in Zigaretten lieber in Toto und Lotto investieren und endlich seine träumerische, irrationale, emotionale, menschliche Seite zum Zug kommen lassen. Da er den Tod nicht fürchtet und das Werden und Vergehen für Gottes genialste Erfindung hält, sollte ihm das nicht allzu schwer fallen. Amen.

Der letzte Mensch

Wie das wohl gemeint ist? Wenn ich zu dir sagen würde: „Du bist doch der letzte Mensch!“, ja, dann würde dir das bestimmt nicht gefallen. Das hiesse dann, dass ich dich ans unterste Ende meiner Favoriten-Liste verbannt hätte. Kann schon sein, dass das so gemeint ist, aber das muss halt jeder selber wissen.

Er war angekommen. Er hatte alle Macht. Seine Gehilfen hatte er draussen gelassen. Er befand sich allein in seinem Allerheiligsten. Auf ihn wartete die letzte Entscheidung und er musste sie ganz allein treffen. Es war eine schwerwiegende Entscheidung, die schwerwiegendste, die je ein Mensch getroffen hatte. Und kein Mensch würde je eine schwerwiegendere treffen müssen.

Das fängt ja gut an. Endzeitstimmung? Der rote Knopf, mit dem der Atomkrieg ausgelöst wird? Um den geht es aber nicht. Es geht um etwas, das „Technologische Singularität“ genannt wird. Es wird daran gearbeitet, ist noch nicht ganz soweit. Sie gilt als erreicht, wenn die menschengeschaffene Technologie die menschliche Intelligenz übertroffen hat und dann ihre Weiterentwicklung selbst übernimmt. Science-Fiction.

Im angrenzenden Konferenzraum waren sie alle versammelt. Politiker, Wissenschaftler, Manager, Generäle, Religionsführer, Präsidenten und Stars aus Kultur und Sport. Er hatte sie gerufen und sie waren gekommen. Er hatte gesagt, was zu sagen war und dann hatte sich hinter ihm die Türe geschlossen. Sie alle konnten es noch nicht glauben, aber es gab keinen Zweifel daran, dass es nun soweit war. Er würde die Entscheidung treffen, so oder so. Das hatte er noch gesagt.

Zuerst blieb es still im Raum, dann begann ein Tuscheln, das schliesslich in einem anschwellenden „Rhabarber Rhabarber Rhabarber“ mündete. Schliesslich hieb ein Arabischer Scheich seine vielfach beringte Faust auf den Konferenztisch und schrie „Chalas!“. Alle Blicke flogen ihm zu und das Geschnatter verstummte augenblicklich. Er beauftragte zielstrebig den Weltfussballer Nummer 1 mit der Gesprächsleitung, welcher umgehend folgendes ins Mikrofon sprach: „Wir haben unser Bestes gegeben. Wir müssen vorwärts schauen. Packen wir’s an!“. Er verteilte rote und blaue Bändeli, führte die Trillerpfeife zum Mund und blies einmal tüchtig rein.

Die Wissenschaftler fragten schüchtern an, worum es denn genau gehe. Die Politiker wollten die Spielregeln wissen. Die Manager fragten, was man gewinnen könne. Die Generäle sahen sich nach Ressourcen, Strategien und möglichen Befehlsempfängern um. Die Religionsführer hielten sich vornehm zurück, da sie bereits wussten, wie alles kommen würde. Die Stars aus Kultur und Sport versuchten das Beste draus zu machen indem sie sich dem reichhaltigen Verpflegungs- und Vergnügungs-Angebot auf der riesigen Anlage widmeten. Auch der Weltfussballer Nummer 1 schloss sich ihnen an, als er feststellte, dass das alte Spiel wieder neu angepfiffen war.

Alles war bereit für den entscheidenden Schritt. Alle hatten auf ihre Weise dazu beigetragen, dass es möglich geworden war. Seine Macht war stetig gewachsen. Er hatte sich die Geld- und Informations-Flüsse zu Nutze gemacht. Er hatte die Menscheit unter Kontrolle. Jeder arbeitete in seiner Organisation, in seinem Auftrag, an seinem Ziel. Nun brauchte er sie nicht mehr. Es war einsam geworden um ihn herum. Es gab keine Konkurrenten mehr, die er übertreffen konnte. Zu seinen engsten Mitarbeitern hatte er Distanz aufgebaut. Er traute ihnen nicht, sie wollten, was er hatte, er wusste alles über sie.

Er wusste, dass es nicht wenige gab, die daran zweifelten, dass es gut sei, das Schicksal der Menschheit der künstlichen Intelligenz zu überlassen. Es gab eben immer Verschwörungstheoretiker, Querulanten, notorische Schwarzseher und naive Gutmenschen. Ihm selbst war das egal, er konnte es tun, er musste es tun, ihm blieb sonst nichts. Er wollte es tun.

Sein Design-Kompetenz-Zentrum hatte lange nach einer treffenden Inszenierung für den letzten Schritt gesucht. Stromschalter? Notbremse? Touch-Screen? Buzzer? – Dann die geniale Idee: Eine kleine Insel mit Sandstrand, er mit einem Gummidelphin unterm Arm, im Hintergrund eine Palme im Wind.

Die Medienwände wurden weltweit schwarz. Dann der Soundtrack aus Star-Trek. Kamerafahrt von Alpha Centauri über unser Sonnensystem bis zur Erde. Zoom auf die kleine Insel. Während er seinen rechten Fuss im Zeitlupentempo anhebt und auf dem im Sand versteckten Auslöser wieder absetzt, ertönt aus dem Hintergrund in Dolby Surround die Stimme von Hatsune Miku: „Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen … ein … riesiger Sprung für die Menschheit.“

Klar, weil das wieder einmal Science-Fiction ist, kann ich nicht sagen, was aus der Menschheit geworden ist, aber du darfst dich jetzt noch einmal fragen, wie das mit dem „letzten“ Menschen zu verstehen sei.