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Der Setzer-Lehrling

Der Gwunderi war als junger Mensch in die Stadt gekommen. Es war damals üblich, dass man nach der abgeschlossenen Schulzeit ein Handwerk erlernte, welches man dann während der gesamten Lebenszeit weiter ausüben und perfektionieren würde. Man verkaufte den grösseren Teil seiner Wachzeit um einen respektablen Beruf zu erlernen. Im dritten Jahr seiner vierjährigen Lehre reichte sein Lohn aus, um Unterkunft und Verpflegung zu bezahlen und so zog er in die Stadt, um mehr von der Welt zu erfahren, als das, was in dem kleinen Dorf seiner Kindheit zu erleben war.

Der Setzereisaal im obersten Stockwerk der Offizin hatte sechs Gassen mit Pulten auf Ellbogenhöhe. Jedenfalls für ausgewachsene Setzer. Unter den Pulten waren viele Schubladen, in denen Buchstaben, die meisten als Bleitypen, die grössten aus Holz oder Kunststoff, abgelegt waren. Sie waren sozusagen das Mise-en-place für die literarischen Erzeugnisse, die hier angefertigt wurden.

Dem jungen Burschen erschien die Bevölkerung des Setzereisaales wie ein bedrohlicher Albtraum mit verwunschenen Wesen aus einer fremden Welt. Von morgens um sieben bis abends um sechs standen die Setzer an ihren Pulten und machten unter Grunzen, Rülpsen und Furzen ihre Arbeit. Der Faktor residierte in einem gläsernen Aussichtsposten neben dem Korrektoren-Büro und stand von früh bis spät unter grossem Druck, was sich durch eilige Schritte, gerunzelte Stirn und unwirsche Antworten ausdrückte. Um Schlag sieben Uhr morgens musste jeder am Arbeitsplatz stehen, um sechs Uhr abends war das tägliche Gedränge in der Garderobe: Händewaschen, Umziehen, Davoneilen.

Den 8 Lehrlingen stand ein Ausbilder zur Seite, der dafür zu sorgen hatte, dass neben der täglichen Arbeit auch Fortschritte in den handwerklichen Fähigkeiten erzielt wurden. So war es für eine erfolgreiche Abschlussprüfung erforderlich, ein fehlerfreies Bleiklotz-Puzzle aus 1500 Buchstaben innerhalb einer Stunde herzustellen. Die jüngeren Lehrlinge befassten sich sonst hauptsächlich damit, aus ausgedruckten, gelagerten Sätzen von Todesanzeigen und Danksagungen neue Todesanzeigen und Danksagungen herzustellen. Meist brauchten dafür nur der Name und das Todesdatum des Verstorbenen und die Trauerfamilie ausgewechselt zu werden. Die Puzzle-Teile mussten perfekt und kompakt zum Satz gebunden werden, sonst wären locker sitzende Buchstaben abgebrochen und hätten die Andruck-Presse demoliert.

Eine weitere Lehrlings-Beschäftigung bestand darin, nicht mehr gebrauchte Schriftsätze zu rezyklieren. Grössere Stücke wie Stege und Quadranten wurden in die entsprechenden Fächer auf dem Pult zurückgelegt. Buchstaben und Wort-Abstände mussten zurück ins richtige Fach des richtigen Setzkastens. Bei dieser Arbeit schlich die Zeit im Schneckentempo dahin und die Gedanken schweiften ab und liessen Zweifel aufkommen über Sinn und Zweck des Berufslebens im Allgemeinen und des Lehrlingslebens im Besonderen.

Der junge Gwunderi spürte bald, dass es vielleicht noch besseres zu erleben gäbe, als diese Arbeitstage, die er sich zwar selbst ausgesucht hatte, aber sich vielleicht gar nicht oder jedenfalls anders vorgestellt hatte. Er beschloss durchzuhalten und auf das Leben danach zu hoffen. Es gab auch Dinge, die erfreulicher waren, als die normalen Wochentage in dieser bleiernen Männerwelt.

Seit zum ersten Mal aus dem Radio „Twist and Shout“ von den pilzköpfigen Käfern in sein Ohr gedrungen war, hatte sich einen Spalt breit die Tür zu einer Welt geöffnet, die andere Dinge versprach, als Erwachsen werden, Geld verdienen, Familie gründen, Beten und Arbeiten. Der archaische Dschungel-Voo-Doo schüttelte ihm Körper und Seele gründlich durch und liess ihn fortan nicht mehr los.

Über den Umweg als Rhythmus-Gitarrist einer Tanzkapelle wurde er zu einem der drei bekannteren Beat-Schlagzeugern seiner kleinen Stadt. Da sich derartige Dinge vorzugsweise des Nachts abspielten, geschah es eines Tages, dass der Gwunderi infolge seiner Übermüdung das Wetter des gesamten Einzugsgebietes der Tageszeitung, die in seinem Lehrbetrieb hergestellt wurde, durch einen unkonzentrierten Griff zum Totaleinsturz brachte.

Da dieses filigrane Puzzle aus kleinsten Blei- und Messing-Teilchen bis zum Druck der Zeitung unmöglich wiederhergestellt werden konnte, gab es an diesem Tag in der Region überhaupt gar kein Wetter, was eine Recherche in den alten Zeitungsarchiven zweifellos bestätigen würde.

Trotz dieser frevelhaften Einmischung in die Naturgewalten wurde der Gwunderi zuerst im kalten Fischli-Brunnen zum Jünger Gutenbergs getauft und endlich anlässlich eines Trinkgelages nahe der Mörsburg mit Brief und Siegel in den geschichtsträchtigen Orden der Schwarzkünstler aufgenommen. Durch die Vermittlung seines Fachkunde-Lehrers, den offenbar die kleinen Cartoons in Gwunderis Heften beeindruckt hatten, vertauschte er sogleich Satzschiff, Winkelhaken und Kolummnenschnur mit Massstab und Skalpell, mit denen er so manches Scheibchen seines linken Daumens oder Zeigefingers abtrennte.

Wie es dem Gwunderi in der Welt der Grafiker und Werbeagenturen erging, erfährst du vielleicht in einer anderen Geschichte, die erst noch geschrieben werden muss.

2 Gedanken zu „Der Setzer-Lehrling“

  1. Im Gegensatz zu dir hatte und habe ich null musikalische Talente. Vielleicht deshalb – oder auch weil ich die Stifti in einer „besseren“ Bude machen durfte, gefiel es mir in der Lehre ausgezeichnet und auch später war ich gerne Schriftsetzer. Betreffend der 1500 Zeichen pro Stunde: Ich habe das immer wieder üben können, habe es aber nie vor der praktischen Prüfung geschafft. Deshalb war ich natürlich schaurig nervös, als ich mit dem Glatten Satz begann. Kaum angefangen ging Heinz Schmid, der die Lehre ein Jahr früher abgeschlossen hatte , hinter mir vorbei und sang leise: „… und zitteret mit de Hand“ (aus dem „Guggerzytli“). Das fand ich gemein, zitterte tatsächlich und setzte trotzdem um mein Leben. Trotz eines Hurenkinds hatte ich eine glatte 6, denn ich hatte weit mehr als die 1500 Zeichen gesetzt und bekam deshalb eine Gutschrift, welche das Hurenkind zu tilgen vermochte.

  2. Schriftsetzer, eine aussterbende Spezies. Beim Lesen deiner Geschichte sah auch ich mich konfrontiert mit Erinnerungsfetzen aus eben dieser Lehre. Es war die Kunstgewerbeschule, die wir berufsbegleitend wöchentlich zu besuchen hatten, was uns zwar weitere Aufgaben bescherte, von mir aber trotzdem als spannende Abwechslung empfunden wurde, was wiederum mit Hans-Rudolf Bosshard, meinem Hauptlehrer zu tun gehabt haben dürfte, die uns ein erstes Mal zusammenführte.
    Damit gehörst Du, lieber Max, zu denjenigen Zeitgenossen, die mich, mit Unterbrüchen, über ein beachtliches Zeitfenster begleitet haben. Und doch nichts im Vergleich zu den rund 530 Jahren, die seit den epochalen Erfindungen des Buchdrucks durch Gutenberg verflossen sind und jetzt durch die digitale Revolution abgelöst wurden.
    Ich erinnere mich, wie mir ein altgedienter Setzer Undankbarkeit vorwarf, als ich mich unmittelbar nach Lehrabschluss in eine Werbeagentur verabschiedete und eine Arbeit annahm, die mir nota bene Hans-Rudolf Bosshard vermittelte. Einen Beruf mit einer solchen Tradition einfach an den Nagel zu hängen, gezieme sich nicht, war die Sicht des empörten Schriftsetzers. Was aus ihm wohl geworden ist?

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