tobelbach

Böser Traum und ein Stein

Das kochende Wasser über dem kleinen Feuer auf trockener Erde verdampfte in die milde Nachtluft, als der Ruf der Eule den Blick des einsamen Wanderers weg vom plätschernden Bach hin zur mondbeschienenen Festung auf dem bewaldeten Hügel lenkte. Er ging in Gedanken noch einmal den ganzen Weg, den er durch reiche Städte, arme Hütten, blutige Schlachtfelder und versteckte Siedlungen hierher, ans Ziel seiner Bestimmung gegangen war.

Nun, da er angekommen war, hatte er keine Eile mehr, die Tat auszuführen, die er sich in tausend Einzelheiten wohl zehntausendmal auf alle möglichen Arten ausgemalt hatte. Nun galt es um jeden Preis den Erfolg im Auge zu behalten und nicht durch unbedachte Aktionen das zu gefährden, was ihm der einzige Sinn und Zweck seines Daseins geworden war.

Gerade als er im Begriff stand, den gefleckten Schierling, die schwarzen Tollkirschen und den roten Fingerhut, die er unterwegs gesammelt und getrocknet hatte, ins kochende Wasser zu werfen, kam ihm aus der Dunkelheit ein Licht entgegen. Als er genauer hinsah, erkannte er einen prächtigen Hirsch mit fluoreszierndem Geweih.

Er steckte die giftigen Pflanzen zurück in den Beutel und indem er sich langsam aufrichtete, wandte er sich der übernatürlichen Erscheinung zu. Kaum war er in die aufrechte Position gekommen, verschwand der Hirsch mitsamt dem Licht und liess den verwunderten und ertappten Wanderer zurück, dessen Gedanken wie durch einen Wirbelsturm erfasst und durch die Lüfte geschleudert erst wieder zur Ruhe kamen, als er bemerkte, dass sein Feuer keine Nahrung mehr hatte und langsam erstarb.

Natürlich kannte er die Sage von der Heiligen Ida, die durch einen solchen leuchtenden Hirsch vor dem sicheren Tod gerettet worden war, nur war diese Geschichte eine sehr alte Geschichte und an Wunder glaubte der vielgeprüfte Wandersmann schon längst nicht mehr. Und doch schien ihm, dass die Gleichzeitigkeit der Erscheinung des leuchtenden Hirsches mit dem Brauen des Gifttrankes eine tiefere Bedeutung haben müsse. Da das Feuer aus, das Wasser erkaltet, die Erde weich und die Luft lau war, legte er sich nieder und schlief bald ein.

Die verwirrende Erscheinung hatte zur Folge, dass die Träume des Wandersmannes die widersprüchlichsten Darstellungen aufführten, die man sich nur denken kann. So steckten sieben Schwerter in einem grossen Findling, vor diesem lagen 3 leere Becher, die durch 10 tanzende Haselruten umgeworfen worden waren und überall verstreut lagen an die tausend Goldtaler herum. Inmitten dieser Szenerie sass ein uralter König mit langem grauem Haar und Bart reglos auf seinem morschen Thron, sein Blick gesenkt, auf die leeren, umgestossenen Kelche gerichtet. Der Wandersmann versuchte die Gefässe aufzurichten, diese waren jedoch auf keine Art und Weise zu bewegen, und so blieb nichts weiter zu tun, als den König anzusprechen und zu fragen, was denn diesen traurigen Zustand herbeigeführt habe.

Kaum war die Frage ausgesprochen, befand sich der Wanderer auf einem Schlachtfeld und sah sich selbst auf beiden Seiten mit dem Schwert kämpfend. Dann sah er mit Schrecken, dass die Zwillinge in dem wüsten Schlachtgetümmel unweigerlich aufeinandertreffen mussten. Gleichzeitig holten sie zum Todesstoss aus und als die Schwerter sein Herz trafen, wachte der Wanderer schweissgebadet auf.

Die frische Erinnerung an seinen Traum und die vorausgegangene Erscheinung liessen ihn darüber grübeln, was das alles bedeuten könnte. Gewiss, es war eine böse Tat, die er vorhatte, aber konnte es nicht sein, dass das Böse nur mit bösem bestraft, vernichtet, und aus der Welt geschafft werden konnte?

Und wahrlich, es gab keinen Zweifel, das Böse hatte da oben, in der Festung auf dem Hügel seinen Ursprung und vergrösserte seine Macht und seinen niederträchtigen Einfluss auf alles, was in seine Nähe geriet. Und so war auch der Wanderer zu dem finsteren Mordgesellen geworden, der nur noch seinen düsteren Plan in die Tat umsetzen wollte, der auf seinem langen Weg durch Welt und Zeit in ihm gewachsen war.

Über dem neu entzündeten Feuer wollte er jetzt den giftigen Trank brauen. Er machte sich auf um frisches Wasser vom vorbeifliessenden Bach zu holen.

Als der Wanderer sich bückte, um an einer etwas tieferen Stelle des Baches seinen kleinen Krug mit klarem Wasser zu füllen, traf sein Blick auf einen schön geformten Stein, der ruhig im Wasser lag. Er griff nach ihm und brachte damit die Ordnung in der kleinen Vertiefung durcheinander. Ein kleiner Krebs floh unter den nächsten Kullerstein und feiner Sand verteilte sich im Wasser, so dass der Wanderer mit dem Füllen seines Kruges solange warten musste, bis sich im Tümpel das Wasser wieder geklärt hatte.

Der Wanderer wog den Stein in seiner Hand und seine Wut überlegte gerade, wem er ihn mit voller Kraft entgegenschleudern könnte, als seiner Weisheit etwas einfiel, das sie vor langer Zeit angenommen hatte: „Wer da ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Seine Wut legte sich und sein Interesse wandte sich dem Stein zu. Dieser war perfekt geformt, rund, aber flacher als eine Kugel und dicker als eine Linse. Die unzähligen Farben des Materials verschmolzen bei zunehmender Abtrocknung zu einem heller werdenden Grau. Der Stein schmiegte sich sanft an die Nervenenden seiner Handfläche an und der alte Sammlertrieb in ihm verführte ihn mit „Man kann ja nie wissen …“ dazu, den Stein als etwas möglicherweise Wertvolles einzustecken und vorerst bei sich zu behalten.

Er nannte ihn Einstein. Nicht Meinstein, da er ihn vielleicht nicht für immer behalten würde. Auch nicht Derstein, weil er ja nicht wusste, ob er wertvoll war. Einfach Einstein, weil er nun bei ihm angekommen war. So wie Robinson seinen Mitbewohner auf der einsamen Insel einst Freitag genannt hatte, weil er ihm an einem Freitag zum ersten Mal begegnet war.

Einstein war, wie alles auf dem Planeten, einst aus Sternenstaub entstanden und war auf seiner unendlich langen Reise durch Raum und Zeit zu dem geworden, was er jetzt war. Genauso wie der Wanderer auch, der nun in ihm einen Begleiter für seinen weiteren Weg gefunden hatte. Immer wenn der Wanderer für eine Weile nichts anderes zu tun hatte, betrachtete er Einstein und liess seinen Gedanken entspannt und ruhig freien Lauf. Der in perfekter Form zur Ruhe gekommene Sternenstaub kühlte seinen Zorn und wärmte sein Herz mit der in ihm gebundenen Kraft.

Einstein kam aus dem Wasser, war aus gepresster Erde und trocknete an der Luft. Der Wanderer trug ihn zum Feuer und so waren die vier alten magischen Elemente alle versammelt. Der Wanderer fühlte sich nun stark genug, auch ohne einen giftigen Trank dem verschworenen Kreis in der Festung gegenüberzutreten und seine Klagen vorzubringen. Mit Einstein in der Tasche glaubte er die Mächtigen davon überzeugen zu können, dass sie auf dem falschen Weg waren, dass alles Übel auf dem Planeten ihr Werk war und nur durch sie aus der Welt geschafft werden konnte.

Die Übel auf dem Planeten waren viele. Viele Planetenbewohner hatten nichts zu essen und kein Dach über dem Kopf. Manche Planetlinge lebten im Überfluss und liessen sich von abgebrühten Söldnern bewachen. Wer nichts hatte bekam nichts. Wer viel hatte bekam alles. In den Städten herrschte die Angst und jeder schaute nur für sich. Wer ein bisschen Guthaben ergatterte gab es für Hoffnungszahlen mit Gewinnchancen aus. Die meisten Bewohner waren arm und verkauften ihre verbliebene Lebenskraft für ein paar Brosamen.

Der Innere Zirkel hatte alles aufgelöst, was die Menschen einst verbunden hatte. Es gab keine Versammlungen mehr, keine Konzerte, keine Ausstellungen, keinen Staat, keine Kirche, keine Schulen, keine Universitäten, keine Wissenschaft. Es gab nichts mehr, was denen da oben hätte gefährlich werden können. Der Innere Zirkel war die Macht, das Gesetz und das Gericht. Man hatte schon so lange kein Mitglied des Zirkels mehr gesehen, dass niemand wusste wo und wer sie waren.

Der Wanderer wusste – immerhin – wo der Innere Zirkel seine Festung hatte, aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt wird.

2 Gedanken zu „Böser Traum und ein Stein“

  1. Ein Stein?
    Nein!
    Einstein war’s, der hat gesagt:
    „Das muss doch geh’n, sich selbst zu seh’n, in spät’rer Zeit –
    seis noch so weit – das Licht zwar hell –
    Gedanken jedoch schneller – ?!“…
    22. März 2002/wp

  2. Deine etwas verwirrende Geschichte löst einige Assoziationen aus bei mir. Einerseits literarische und andererseits solche zur allgemeinen politisch-gesllschaftlichen Lage auf unserer Welt.
    Der leuchtende Hirsch: Gründungssage der Zürcher Fraumünsterkirche; „…der werfe den ersten Stein… : Bibel; der Innere Zirkel, der sich aufgelöst hat: „Fahrenheit 45“ von Ray Bradbury; „Schöne neue Welt“ von A. Huxley; „Die eiserne Ferse“ von Jack London.
    Das Böse= die Macht sitzt symbolisch immer oben; es sind sie, welche das Damoklesschwert über den Köpfen der Kleinen schweben lassen , Kriege anzetteln, darüber bestimmen wer ein Dach über dem Kopf hat oder hungern muss. Die kleinen versuchen sich durch Steinewerfen zu wehren (Palestinenser).
    Gift kommt auch immer wieder zum Einsatz, allerdings meist von oben und in Form von Gas.
    Letztlich hat sich dein „Attentäter“ entschieden, es doch mit Verhandeln und seiner Überzeugungskraft zu versuchen mit Hilfe seines Steins. Ob dies gelingen wird oder ob halt doch Böses mit Bösem vergolten werden muss, was leider die Regel ist aber auch nicht wirklich hilft, sondern meist nur zur Eskalation führt? Vielleicht vernehmen wir das in der nächsten Geschichte. Eventuell wird sich dann auch herausstellen, dass ich diese Geschichte falsch interpretiert habe.

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