Der Setzer-Lehrling

Der Gwunderi war als junger Mensch in die Stadt gekommen. Es war damals üblich, dass man nach der abgeschlossenen Schulzeit ein Handwerk erlernte, welches man dann während der gesamten Lebenszeit weiter ausüben und perfektionieren würde. Man verkaufte den grösseren Teil seiner Wachzeit um einen respektablen Beruf zu erlernen. Im dritten Jahr seiner vierjährigen Lehre reichte sein Lohn aus, um Unterkunft und Verpflegung zu bezahlen und so zog er in die Stadt, um mehr von der Welt zu erfahren, als das, was in dem kleinen Dorf seiner Kindheit zu erleben war.

Der Setzereisaal im obersten Stockwerk der Offizin hatte sechs Gassen mit Pulten auf Ellbogenhöhe. Jedenfalls für ausgewachsene Setzer. Unter den Pulten waren viele Schubladen, in denen Buchstaben, die meisten als Bleitypen, die grössten aus Holz oder Kunststoff, abgelegt waren. Sie waren sozusagen das Mise-en-place für die literarischen Erzeugnisse, die hier angefertigt wurden.

Dem jungen Burschen erschien die Bevölkerung des Setzereisaales wie ein bedrohlicher Albtraum mit verwunschenen Wesen aus einer fremden Welt. Von morgens um sieben bis abends um sechs standen die Setzer an ihren Pulten und machten unter Grunzen, Rülpsen und Furzen ihre Arbeit. Der Faktor residierte in einem gläsernen Aussichtsposten neben dem Korrektoren-Büro und stand von früh bis spät unter grossem Druck, was sich durch eilige Schritte, gerunzelte Stirn und unwirsche Antworten ausdrückte. Um Schlag sieben Uhr morgens musste jeder am Arbeitsplatz stehen, um sechs Uhr abends war das tägliche Gedränge in der Garderobe: Händewaschen, Umziehen, Davoneilen.

Den 8 Lehrlingen stand ein Ausbilder zur Seite, der dafür zu sorgen hatte, dass neben der täglichen Arbeit auch Fortschritte in den handwerklichen Fähigkeiten erzielt wurden. So war es für eine erfolgreiche Abschlussprüfung erforderlich, ein fehlerfreies Bleiklotz-Puzzle aus 1500 Buchstaben innerhalb einer Stunde herzustellen. Die jüngeren Lehrlinge befassten sich sonst hauptsächlich damit, aus ausgedruckten, gelagerten Sätzen von Todesanzeigen und Danksagungen neue Todesanzeigen und Danksagungen herzustellen. Meist brauchten dafür nur der Name und das Todesdatum des Verstorbenen und die Trauerfamilie ausgewechselt zu werden. Die Puzzle-Teile mussten perfekt und kompakt zum Satz gebunden werden, sonst wären locker sitzende Buchstaben abgebrochen und hätten die Andruck-Presse demoliert.

Eine weitere Lehrlings-Beschäftigung bestand darin, nicht mehr gebrauchte Schriftsätze zu rezyklieren. Grössere Stücke wie Stege und Quadranten wurden in die entsprechenden Fächer auf dem Pult zurückgelegt. Buchstaben und Wort-Abstände mussten zurück ins richtige Fach des richtigen Setzkastens. Bei dieser Arbeit schlich die Zeit im Schneckentempo dahin und die Gedanken schweiften ab und liessen Zweifel aufkommen über Sinn und Zweck des Berufslebens im Allgemeinen und des Lehrlingslebens im Besonderen.

Der junge Gwunderi spürte bald, dass es vielleicht noch besseres zu erleben gäbe, als diese Arbeitstage, die er sich zwar selbst ausgesucht hatte, aber sich vielleicht gar nicht oder jedenfalls anders vorgestellt hatte. Er beschloss durchzuhalten und auf das Leben danach zu hoffen. Es gab auch Dinge, die erfreulicher waren, als die normalen Wochentage in dieser bleiernen Männerwelt.

Seit zum ersten Mal aus dem Radio „Twist and Shout“ von den pilzköpfigen Käfern in sein Ohr gedrungen war, hatte sich einen Spalt breit die Tür zu einer Welt geöffnet, die andere Dinge versprach, als Erwachsen werden, Geld verdienen, Familie gründen, Beten und Arbeiten. Der archaische Dschungel-Voo-Doo schüttelte ihm Körper und Seele gründlich durch und liess ihn fortan nicht mehr los.

Über den Umweg als Rhythmus-Gitarrist einer Tanzkapelle wurde er zu einem der drei bekannteren Beat-Schlagzeugern seiner kleinen Stadt. Da sich derartige Dinge vorzugsweise des Nachts abspielten, geschah es eines Tages, dass der Gwunderi infolge seiner Übermüdung das Wetter des gesamten Einzugsgebietes der Tageszeitung, die in seinem Lehrbetrieb hergestellt wurde, durch einen unkonzentrierten Griff zum Totaleinsturz brachte.

Da dieses filigrane Puzzle aus kleinsten Blei- und Messing-Teilchen bis zum Druck der Zeitung unmöglich wiederhergestellt werden konnte, gab es an diesem Tag in der Region überhaupt gar kein Wetter, was eine Recherche in den alten Zeitungsarchiven zweifellos bestätigen würde.

Trotz dieser frevelhaften Einmischung in die Naturgewalten wurde der Gwunderi zuerst im kalten Fischli-Brunnen zum Jünger Gutenbergs getauft und endlich anlässlich eines Trinkgelages nahe der Mörsburg mit Brief und Siegel in den geschichtsträchtigen Orden der Schwarzkünstler aufgenommen. Durch die Vermittlung seines Fachkunde-Lehrers, den offenbar die kleinen Cartoons in Gwunderis Heften beeindruckt hatten, vertauschte er sogleich Satzschiff, Winkelhaken und Kolummnenschnur mit Massstab und Skalpell, mit denen er so manches Scheibchen seines linken Daumens oder Zeigefingers abtrennte.

Wie es dem Gwunderi in der Welt der Grafiker und Werbeagenturen erging, erfährst du vielleicht in einer anderen Geschichte, die erst noch geschrieben werden muss.

Böser Traum und ein Stein

Das kochende Wasser über dem kleinen Feuer auf trockener Erde verdampfte in die milde Nachtluft, als der Ruf der Eule den Blick des einsamen Wanderers weg vom plätschernden Bach hin zur mondbeschienenen Festung auf dem bewaldeten Hügel lenkte. Er ging in Gedanken noch einmal den ganzen Weg, den er durch reiche Städte, arme Hütten, blutige Schlachtfelder und versteckte Siedlungen hierher, ans Ziel seiner Bestimmung gegangen war.

Nun, da er angekommen war, hatte er keine Eile mehr, die Tat auszuführen, die er sich in tausend Einzelheiten wohl zehntausendmal auf alle möglichen Arten ausgemalt hatte. Nun galt es um jeden Preis den Erfolg im Auge zu behalten und nicht durch unbedachte Aktionen das zu gefährden, was ihm der einzige Sinn und Zweck seines Daseins geworden war.

Gerade als er im Begriff stand, den gefleckten Schierling, die schwarzen Tollkirschen und den roten Fingerhut, die er unterwegs gesammelt und getrocknet hatte, ins kochende Wasser zu werfen, kam ihm aus der Dunkelheit ein Licht entgegen. Als er genauer hinsah, erkannte er einen prächtigen Hirsch mit fluoreszierndem Geweih.

Er steckte die giftigen Pflanzen zurück in den Beutel und indem er sich langsam aufrichtete, wandte er sich der übernatürlichen Erscheinung zu. Kaum war er in die aufrechte Position gekommen, verschwand der Hirsch mitsamt dem Licht und liess den verwunderten und ertappten Wanderer zurück, dessen Gedanken wie durch einen Wirbelsturm erfasst und durch die Lüfte geschleudert erst wieder zur Ruhe kamen, als er bemerkte, dass sein Feuer keine Nahrung mehr hatte und langsam erstarb.

Natürlich kannte er die Sage von der Heiligen Ida, die durch einen solchen leuchtenden Hirsch vor dem sicheren Tod gerettet worden war, nur war diese Geschichte eine sehr alte Geschichte und an Wunder glaubte der vielgeprüfte Wandersmann schon längst nicht mehr. Und doch schien ihm, dass die Gleichzeitigkeit der Erscheinung des leuchtenden Hirsches mit dem Brauen des Gifttrankes eine tiefere Bedeutung haben müsse. Da das Feuer aus, das Wasser erkaltet, die Erde weich und die Luft lau war, legte er sich nieder und schlief bald ein.

Die verwirrende Erscheinung hatte zur Folge, dass die Träume des Wandersmannes die widersprüchlichsten Darstellungen aufführten, die man sich nur denken kann. So steckten sieben Schwerter in einem grossen Findling, vor diesem lagen 3 leere Becher, die durch 10 tanzende Haselruten umgeworfen worden waren und überall verstreut lagen an die tausend Goldtaler herum. Inmitten dieser Szenerie sass ein uralter König mit langem grauem Haar und Bart reglos auf seinem morschen Thron, sein Blick gesenkt, auf die leeren, umgestossenen Kelche gerichtet. Der Wandersmann versuchte die Gefässe aufzurichten, diese waren jedoch auf keine Art und Weise zu bewegen, und so blieb nichts weiter zu tun, als den König anzusprechen und zu fragen, was denn diesen traurigen Zustand herbeigeführt habe.

Kaum war die Frage ausgesprochen, befand sich der Wanderer auf einem Schlachtfeld und sah sich selbst auf beiden Seiten mit dem Schwert kämpfend. Dann sah er mit Schrecken, dass die Zwillinge in dem wüsten Schlachtgetümmel unweigerlich aufeinandertreffen mussten. Gleichzeitig holten sie zum Todesstoss aus und als die Schwerter sein Herz trafen, wachte der Wanderer schweissgebadet auf.

Die frische Erinnerung an seinen Traum und die vorausgegangene Erscheinung liessen ihn darüber grübeln, was das alles bedeuten könnte. Gewiss, es war eine böse Tat, die er vorhatte, aber konnte es nicht sein, dass das Böse nur mit bösem bestraft, vernichtet, und aus der Welt geschafft werden konnte?

Und wahrlich, es gab keinen Zweifel, das Böse hatte da oben, in der Festung auf dem Hügel seinen Ursprung und vergrösserte seine Macht und seinen niederträchtigen Einfluss auf alles, was in seine Nähe geriet. Und so war auch der Wanderer zu dem finsteren Mordgesellen geworden, der nur noch seinen düsteren Plan in die Tat umsetzen wollte, der auf seinem langen Weg durch Welt und Zeit in ihm gewachsen war.

Über dem neu entzündeten Feuer wollte er jetzt den giftigen Trank brauen. Er machte sich auf um frisches Wasser vom vorbeifliessenden Bach zu holen.

Als der Wanderer sich bückte, um an einer etwas tieferen Stelle des Baches seinen kleinen Krug mit klarem Wasser zu füllen, traf sein Blick auf einen schön geformten Stein, der ruhig im Wasser lag. Er griff nach ihm und brachte damit die Ordnung in der kleinen Vertiefung durcheinander. Ein kleiner Krebs floh unter den nächsten Kullerstein und feiner Sand verteilte sich im Wasser, so dass der Wanderer mit dem Füllen seines Kruges solange warten musste, bis sich im Tümpel das Wasser wieder geklärt hatte.

Der Wanderer wog den Stein in seiner Hand und seine Wut überlegte gerade, wem er ihn mit voller Kraft entgegenschleudern könnte, als seiner Weisheit etwas einfiel, das sie vor langer Zeit angenommen hatte: „Wer da ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Seine Wut legte sich und sein Interesse wandte sich dem Stein zu. Dieser war perfekt geformt, rund, aber flacher als eine Kugel und dicker als eine Linse. Die unzähligen Farben des Materials verschmolzen bei zunehmender Abtrocknung zu einem heller werdenden Grau. Der Stein schmiegte sich sanft an die Nervenenden seiner Handfläche an und der alte Sammlertrieb in ihm verführte ihn mit „Man kann ja nie wissen …“ dazu, den Stein als etwas möglicherweise Wertvolles einzustecken und vorerst bei sich zu behalten.

Er nannte ihn Einstein. Nicht Meinstein, da er ihn vielleicht nicht für immer behalten würde. Auch nicht Derstein, weil er ja nicht wusste, ob er wertvoll war. Einfach Einstein, weil er nun bei ihm angekommen war. So wie Robinson seinen Mitbewohner auf der einsamen Insel einst Freitag genannt hatte, weil er ihm an einem Freitag zum ersten Mal begegnet war.

Einstein war, wie alles auf dem Planeten, einst aus Sternenstaub entstanden und war auf seiner unendlich langen Reise durch Raum und Zeit zu dem geworden, was er jetzt war. Genauso wie der Wanderer auch, der nun in ihm einen Begleiter für seinen weiteren Weg gefunden hatte. Immer wenn der Wanderer für eine Weile nichts anderes zu tun hatte, betrachtete er Einstein und liess seinen Gedanken entspannt und ruhig freien Lauf. Der in perfekter Form zur Ruhe gekommene Sternenstaub kühlte seinen Zorn und wärmte sein Herz mit der in ihm gebundenen Kraft.

Einstein kam aus dem Wasser, war aus gepresster Erde und trocknete an der Luft. Der Wanderer trug ihn zum Feuer und so waren die vier alten magischen Elemente alle versammelt. Der Wanderer fühlte sich nun stark genug, auch ohne einen giftigen Trank dem verschworenen Kreis in der Festung gegenüberzutreten und seine Klagen vorzubringen. Mit Einstein in der Tasche glaubte er die Mächtigen davon überzeugen zu können, dass sie auf dem falschen Weg waren, dass alles Übel auf dem Planeten ihr Werk war und nur durch sie aus der Welt geschafft werden konnte.

Die Übel auf dem Planeten waren viele. Viele Planetenbewohner hatten nichts zu essen und kein Dach über dem Kopf. Manche Planetlinge lebten im Überfluss und liessen sich von abgebrühten Söldnern bewachen. Wer nichts hatte bekam nichts. Wer viel hatte bekam alles. In den Städten herrschte die Angst und jeder schaute nur für sich. Wer ein bisschen Guthaben ergatterte gab es für Hoffnungszahlen mit Gewinnchancen aus. Die meisten Bewohner waren arm und verkauften ihre verbliebene Lebenskraft für ein paar Brosamen.

Der Innere Zirkel hatte alles aufgelöst, was die Menschen einst verbunden hatte. Es gab keine Versammlungen mehr, keine Konzerte, keine Ausstellungen, keinen Staat, keine Kirche, keine Schulen, keine Universitäten, keine Wissenschaft. Es gab nichts mehr, was denen da oben hätte gefährlich werden können. Der Innere Zirkel war die Macht, das Gesetz und das Gericht. Man hatte schon so lange kein Mitglied des Zirkels mehr gesehen, dass niemand wusste wo und wer sie waren.

Der Wanderer wusste – immerhin – wo der Innere Zirkel seine Festung hatte, aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt wird.

Das Buch vom Wanderer

Kannst du dich daran erinnern, wie du lesen gelernt hast? Sicher hast du damals Buchstaben gezeichnet. Vielleicht zuerst die von deinem Namen. Ein Text aus der ersten Klasse ist mir geblieben: „Tuut tuut ein Auto. Es fährt so schnell.“ Neunzehnhundertdreiundfünfzig war das eine sinnvolle Warnung für einen Sechsjährigen. Was da alles auf ihn zukommt: Die Buchstaben, das Hochdeutsche und ein Auto. Eine magische Wirkung auf meine kindliche Seele muss das gehabt haben.

Hast du dir eigentlich schon einmal überlegt, was los ist, wenn du zu lesen beginnst? Vielleicht wolltest du auf andere Gedanken kommen. Vielleicht hattest du keine Lust darauf eine lästige Pflicht zu erledigen. Vielleicht wolltest du etwas überflüssige Zeit überbrücken. Im schlimmsten Fall war der Lesestoff die pure Notwendigkeit und im Besten das Interesse am versprochenen Inhalt.

Da du sehr wahrscheinlich Mitglied des westuropäischen Kulturkreises bist, entzifferst du als erstes das Zeichen ganz oben links. Der ist fast sicher einer der 20 Konsonanten, der 6 Vokale oder der 10 arabischen Zahlen. Das macht zusammen 36 Zeichen, genau so viele wie der Jass Karten hat. Wie du weisst kann jeder, der das will, die 36 Karten unterscheiden und erinnern. Die nachhaltige Existenz verdanken Spielkarten wie Schriftzeichen der Magie, die durch die unendlichen Möglichkeiten der Zusammenstellung von endlichen Symbolen entsteht.

Also, ganz links oben steht vielleicht ein A. Ein Stimmlaut. Der möchte gern ausgesprochen werden. Vielleicht hingehaucht, oder vollklingend entlässt er Spannung aus Körper und Seele und füllt den Raum zwischen Vergangenem und Zukünftigem. Sag „A“. Versuche es einfach, wenn grad niemand in der Nähe ist, der es hören und dumme Fragen stellen könnte.

Du hast Glück, dass ich nicht das ganze Alphabet auf diese Weise durchgehe. Nur noch etwas über die Zahlen muss ich loswerden: Das erste Zeichen oben links könnte auch die Eins sein. Zahlen sind für die Logik zuständig. Ihre Magie ist die reine Wahrheit. 1 + 1 = 2. Daran lässt sich nicht rütteln. 1 Apfel und 1 Birne sind 3 Früchte geht nicht. Eine Birne und 1 Apfel sind 2 Äpfel geht auch nicht. Zahlen beginnen erst im Zusammenspiel mit Worten so richtig zu leben: 3 Fragezeichen, 7 Raben, 1001 Nacht.

Mit Schriftzeichen, zu Wörtern, Sätzen oder ganzen Büchern geordnet, lassen sich Welten erschaffen und zerstören. Laut gelesen werden sie zu Tönen, die wiederum Gefühle in uns auslösen und mit ihnen verbundene Erinnerungen wachrufen und uns so in einen Zustand künstlichen Erlebens bringen.

Kennst du die Buchstaben oder die Sprache nicht, wird ein Text, geschrieben oder gesprochen, zum Geheimnis, das du nur zu gerne erfahren möchtest, weil du vielleicht gerade in diesem Text die Antwort auf deine Fragen bekommen könntest.

Du wirst mir vielleicht glauben, dass auch mich solche Fragen beschäftigen, auf die ich keine befriedigende Antworten gefunden habe. Was liegt für einen mangelhaft Gebildeten wie mich näher, als diese Antworten da zu suchen, wo bald alles, was Menschen erdacht, erfunden, gelogen, gezwitschert, fotografiert, gezeichnet und gefilmt haben, in unüberschaubare Kaskaden von Ja- und Nein-Symbolen übersetzt und für jeden sofort abrufbar gesichert und gespeichert wird.

Und tatsächlich, ich habe sie gefunden, die Antworten auf alle Fragen. Es war ein langer Weg, aber da ich ihn nun mal gegangen bin, möchte ich dir nicht vorenthalten, was mir so lange verborgen geblieben ist. Vielleicht bin ich ein Schwindler, das zu beurteilen überlasse ich dir und rate dir von ganzem Herzen, niemals die Symbole mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Schon lange, seit der Gwunderi Lesen, Schreiben und Schriftsetzen gelernt hatte, hatte sich in seinem Kopf der Wunsch festgesetzt, einmal im Leben ein Buch zu schreiben. Nun, da er am hinteren Ende der Lebensreise angekommen war, fand er endlich die Musse, sich eingehender mit diesem Vorhaben auseinanderzusetzen. Wie er es bei der Arbeit gelernt hatte, versuchte er zuerst eine Struktur zu entwerfen, die er dann nach und nach mit geeigneten Inhalten zu füllen hoffte. Es sollte auf der Basis seiner gesammelten Lebenserfahrungen die Geschichte eines fiktiven Wanderers werden.

Vier grosse Abschnitte mit je 4 Kapiteln. Spannende emotionsgeladene Titel waren schnell gefunden:

Der Wanderer
– Das Finstertobel
– Die Himmelsleiter
– Der Kristallberg
– In alle Winde

Die Gottheit
– Die Mordburg
– Verlorener Glaube
– Eine andere Welt
– Das Ende der Zeit

Das Schicksal
– Licht und Schatten
– Kreuz und Quer
– Von Stern zu Stern
– Anfang und Ende

Heimkehr
– Erinnerung
– Der kleine Kreis
– Herbstwinde
– Der Diamant

Da es noch einige Zeit dauern kann, bis der Gwunderi dieses umfangreiche Werk – wenn überhaupt – fertiggestellt hat, werde ich an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen die eine oder andere Szene aus des Gwunderis „Wanderer“ veröffentlichen. Und ich höre jetzt endlich damit auf, über Buchstaben, Zahlen, Zeichen und Symbole zu schwafeln, sondern verspreche hoch und heilig, in Zukunft diese in einer möglichst lesenswerten Art und Weise zu kombinieren.

Ein kleines Wunder

Es ist schon wieder passiert. Dabei geht so etwas doch gar nicht. Was soll man da eigentlich noch glauben. Und eben, das ist nicht das erste Mal und auch nicht das zweite Mal. Es passiert, wenn du es nicht erwartest und es gibt keine logische Erklärung dafür.

„Mach’s nicht so spannend und rück‘ endlich raus damit!“ denkst du jetzt bestimmt. Das wäre auch nicht weiter schwierig, aber weil das ja eine Geschichte werden soll, bringt es nichts, jetzt mit Fakten und Statistik und einem Reporter „vor Ort“ über Dinge zu berichten, von denen man noch gar nichts weiss, ausser dass sie eben passiert sind.

Der Gwunderi hatte schon am Vorabend gemerkt, dass sich in seinen Bronchien etwas zusammenbraute, das nicht nur mit seiner dummen Rauchrei zu tun hatte. Er hatte sich ein Halstuch umgebunden und war trotzdem, aber ohne die Zigaretten einzupacken, in der Musikprobe erschienen. Wieder zu Hause hatte er heissen Tee gemacht und war dann beizeiten unter die Decke geschlüpft.

Am anderen Morgen, als der Gwunderi erwachte, war da vor allem ein riesiger Hals mit fast keinem Bisschen Gwunderi dran. Er sagte telefonisch mit der Bass-Stimme eines texanischen Ölmilliardärs alles ab und verkroch sich bei schönstem Frühlingswetter in seinem einsamen Studierzimmer. Weil er nichts Gescheites tun mochte, suchte er im Wikipedia bei ein paar klassischen und modernen Philosophen nach vertretbaren Erklärungen für den Lauf der Welt und dem Schicksal seiner Bewohner.

Er hatte ein paar Anhaltspunkte gefunden, aber dann war er müde geworden und die immer häufigeren von Kopfschmerzen begleiteten Hustenanfälle liessen ihn aufgeben, abschalten und wieder unter die Decke kriechen. Er zog die Knie an und die Decke über den Kopf. Um seinen wunden Hals nicht auf sich aufmerksam zu machen, liess er die Gedanken schweifen wohin sie wollten. Die liessen sich das nicht zweimal sagen. Buchstaben, Zahlen, Symbole, Formen, Farben, Wahrnehmung, Glück, Lust, Trauer, Leid, Raum, Zeit, Anfang, Ende, Krieg, Frieden, Geburt, Tod, alles wirbelte wild durcheinander, bis es im Traum zu einer unlogischen aber einleuchtenden Geschichte fand.

Der Gwunderi hatte ein paar wenige Träume, an die er sich später noch erinnern konnte. Zum Beispiel passierte es immer wieder, dass er sich irgendwo verstieg, so dass es ohne ein Wunder nicht mehr weiter ging. Am schönsten war der Traum, wo er den Mut hatte von einer niedrigen Brücke zu springen, die Arme auszubreiten und dann tatsächlich in geringer Höhe über das Land fliegen konnte. Am schlimmsten war der Traum, wo er erwachte und sich nicht drehen, nicht schreien, nicht rühren konnte, bis er richtig erwachte und merkte dass das ein Traum im Traum gewesen war.

Und was ist dem Gwunderi denn jetzt so unglaubliches passiert, willst du vielleicht endlich wissen? Also dann, dann sag‘ ich’s dir als Allernächstes.

Im Jahre 1990 hatte ein Philosophielehrer aus Norwegen einen Roman geschrieben. Der Roman war so erfolgreich, dass er in viele Sprachen übersetzt wurde, so auch ins Deutsche. Eines dieser Bücher machte sich auf die Reise, von der Druckerei in die Buchhandlung, von da zu einem begeisterten Leser, von ihm zu jemandem ins Büchergestell und so fort. Und als der Gwunderi mit seinem dicken Hals wieder erwachte, tanzte es direkt vor seiner Nase herum, so dass er es ergriff und zu lesen begann und nicht mehr aus der Hand legte, bis ihm der Hintern vom Stillsitzen so schmerzte, dass sein Hals beleidigt und unbemerkt seiner Aufmerksamkeit entschwunden war.

Das Buch hat den Titel „Sofies Welt“. Es erzählt auf unterhaltsame Art die Geschichte der Weltanschauungen von den alten Griechen bis ins Jahr Neunzehnhundertneunzig. Tupfhaargenau das, was den Gwunderi in diesem Augenblick grad am allermeisten interessierte. Er war sich sicher, dass das Buch ihn gefunden hatte, es hatte nur auf den richtigen Moment gewartet und zugeschlagen, als es soweit war. Und wie gesagt war es schon mehrfach passiert, dass ihm ein Buch genau im richtigen Moment vor den Augen herum getanzt hatte.

Manche werden das für Zufall halten. Andere werden es glückliche Fügung nennen. Für wieder andere steckt eine höhere Macht dahinter. Meine Erklärung geht so: Ein gutes Buch sucht sich seinen Autor, dann überzeugt es seinen Verlag, lässt sich von seiner Druckerei einkleiden und zum Schluss schnappt es sich seinen Leser. Dann ist es glücklich da angelangt, wo es von Anfang an hin wollte. Da kann man nichts machen. Das ist einfach so.

Wo bleibt Walter?

Es könnte doch sein, dass deine Tochter, dein Sohn, dein Enkel, deine Enkelin oder sonst jemand dich statt „Wie geht’s dir?“ danach fragt wie denn eigentlich die Welt funktioniert. Was antwortest du darauf? Das wird dann wohl der Beginn eines längeren oder kürzeren Zwiegesprächs.

Eine mögliche Antwort darauf wäre eine Gegenfrage: „Warum willst du das wissen?“. Vielleicht bekommst du dann zu hören: „Weil mir jeder etwas anderes erzählt“. Du bist also jetzt die Vertrauensperson, die auf jeden Fall nicht aus Eigennutz falsche Wahrheiten von sich gibt. Auch wenn du nicht alles an dieser Welt verstanden hast, kannst du versuchen, das was du weisst in Worte zu fassen.

Nun bist du ja nicht der Erste, der das versucht. Seit der Mensch zum erstenmal etwas zum funktionieren gebracht hat, hat er sich wahrscheinlich diese Frage gestellt. Eine funktionierende Welt ist also erst einmal etwas, das sich ein Mensch ausdenkt. Er kann sich auch eine nicht funktionierende Welt ausdenken, wenn das irgend einen Sinn macht. Eine mögliche Aussage wäre: „Die Welt ist einfach da. Es ist deine Welt. Mach damit, was du willst.“

Vielleicht ist der Frögli jetzt enttäuscht oder zufrieden und geht seines Wegs. Oder er sagt: „Ich möchte das Richtige tun, aber ich weiss nicht, was das Richtige ist.“ Jetzt wirst du zur moralischen Instanz, die „Gut“ und „Böse“ unterscheiden können muss. Jetzt wird es ernst. Wir haben ja die 10 Gebote, das ist schon mal etwas. Manche davon sind zwar etwas aus der Mode gekommen aber für den Anfang hilft das vielleicht weiter.

Den 10 Geboten entnehmen wir zwar nicht, wie die Welt funktioniert, aber wir ahnen, wie der Mensch funktioniert. Er kann sich entscheiden, so oder so. Es kann ihm in den Sinn kommen, jemanden oder etwas anzubeten. Er kann neidisch und missgünstig sein. Er kann verachten und gewalttätig sein. Er kann lügen und stehlen. Er kann künstliche Dinge erschaffen und diese verehren. Er kann quälen und töten. Er kann, aber er muss nicht. Er kann sich frei entscheiden für „Gut“ oder „Böse“. Und was ist jetzt das Richtige?

Der Starke, der Weise, der Kluge und Walter sitzen als Schiffbrüchige im selben Boot, sehen kein Ufer und haben nur noch ein Stück Zwieback übrig. Was ist das Richtige? Variante A: Der Starke wirft die drei anderen aus dem Boot, isst den Zwieback und rudert weiter, solange er kann. Variante B: Der Weise erkärt in welcher Richtung und Entfernung man rechtzeitig auf Land trifft, wenn man mit vereinten Kräften rudert, und verteilt den Zwieback zu gleichen Teilen. Oder C: Der Kluge verspricht dem Starken den halben Zwieback und lässt Walter vom Starken aus dem Boot werfen.

Und wo bleibt jetzt Walter? Allein hat er keine Chance. Also brauchen wir mehr Walter und mehr Zwieback. Sagen wir 10 Walter und 20 Stück Zwieback. Jetzt sieht die Sache schon anders aus. Der Kluge nimmt die Organisation in die Hand. Er übergibt die Navigation dem Weisen. Dem Starken überträgt er die Bewachung der Vorräte. Die zehn Walter dürfen rudern und bekommen anschliessend ein Stück Zwieback als Lohn. Je ein Drittel müssen sie dann dem Starken und dem Weisen abgeben.

Kaum kommt Land in Sicht, erlässt der Kluge neue Regeln. Der Anteil des Weisen geht neu an den Starken. Der Starke ist erfreut und geniesst die Ehre. Der Weise erkennt plötzlich die Ungerechtigkeit auf dem Boot und ruft zur Meuterei auf. Sie werfen den Starken und den Klugen gemeinsam über Bord. Die Walter balgen sich um den restlichen Zwieback und der Weise schwimmt an Land. Es zieht ein Sturm auf und das Boot mit den streitenden Waltern verschwindet im Ozean. Der Ozean hat kein Problem damit. So funktioniert der Mensch.

Das ist ja wie gesagt nur eine Vorstellung, die ich mir gemacht habe. Dabei habe ich zum Beispiel die Frauen einfach weggelassen. Das würde alles ändern, wenn sie da mitspielen dürften. Der Mensch, also du, funktionierst eigentlich nicht wirklich. Du bist einfach da. Das bist du. Du kannst damit machen, was du kannst. Du solltest ein bisschen klug, weise, stark und auch eine Laura oder ein Walter sein, dann wirst du bestimmt das Richtige tun.

Kurz gesagt: Die Welt funktioniert wie der Mensch funktioniert und der Mensch funktioniert, wie du funktionierst und das nur für kurze Zeit und deshalb heisst es die Chance packen, profitieren und sofort zugreifen. Zeit ist Geld und Geld ist Gott – und das soll’s dann gewesen sein?

Liebe Weise, Starke, Kluge, Reiche und Mächtige, das haben die Regenwälder, Ozeane, Südseeinseln, Delfine, Elefanten, Spatzen, Wale und Laura und Walter und ihre Kinder und Enkel nicht verdient.